Freitag, 25. März 2011

Hofnarren-Geplauder: Gästegottesdienst

Je nach vorhandenen Kapazitäten findet er vor Ort so zwei- bis sechsmal im Jahr statt: Der Gottesdienst für „Gemeindefremde“ oder „Kirchendistanzierte“. So heißt er natürlich nur intern. Nach außen präsentiert er sich als „Besonderer Gottesdienst“, „Herzlich Willkommen“ oder „Gottesdienst für Aufgeweckte“. Varianten der letzten kreativen Wortschöpfung bieten sich vor allem an, wenn die Anfangszeit ausnahmsweise zum Wohl der erwarteten Gäste auf eine morgenmuffelfreundliche Zeit verschoben wird. Gerne genommen wird 11.00, was Sinn macht, da zu diesen Gelegenheiten häufig im Anschluss ein gemeinsames Mittagessen angeboten wird.

Beide Besonderheiten erfreuen einen Teil der Gemeinde sehr. Weshalb zu diesen Gästegottesdiensten manches verschollen geglaubte Gemeindeglied regelmäßig gesichtet werden kann. Der andere Teil der Gemeinde bleibt zu diesen Events genauso regelmäßig zu Hause. Der sagt sich: „Was soll ich da? Ich bin ja schon fromm.“

Den Verweigerern entgeht das beeindruckende Ergebnis schweißtreibender Vorbereitungswochen. Extra für diese besonderen Gottesdienste gibt es in den meisten Gemeinden einen eigenen Arbeitskreis. Der besteht aus lauter engagierten frommen Menschen, die sich ausdenken, was nichtfromme Menschen ansprechen könnte. Das geht schon bei der Themenwahl los. Vor einigen Jahren waren die „oder“ Varianten angesagt. „Er war Einer von uns – oder: Der heruntergekommene Gott.“ Sowas passt nur schwer augenfreundlich auf eine Einladung. Heute macht man es wieder kürzer. Zum Glück gibt es Ulrich Wickert, der für das vermeintlich relevante Thema „Wahrheit“ den plakativen und oft bemühten Titel „Der Ehrliche ist der Dumme“ liefert. Da muss der Arbeitskreis nur noch abendfüllend darüber diskutieren, ob hinter „Dumme“ besser ein Punkt, ein ! oder ein ? zu setzen ist.

Weitere Abendsitzungen werden benötigt, um das Rahmenprogramm auszudenken. Was Spaß macht, denn bei Gästegottesdiensten ist irgendwie alles erwünscht, was sonst höchst sparsam dosiert wird. Dazu gehören Theaterszenen, Videoeinspielungen, Popsongs zum Thema und die modernsten geistlichen Lieder. Selbst das Schlagzeug, was sonst in manchen Gemeinden ein Schattendasein in der dunkelsten Bühnenecke fristet, darf lautstark ins Rampenlicht. Irgendwie scheint es undenkbar, dass es nichtfromme Menschen gibt, die soviel Aktion wenig ansprechend finden.

Wir wissen ja auch genau, welchen Predigtstil unsere Gäste schätzen. Die Kanzel ist für sie out, moderiert werden muss vom Bistrotisch. Der Prediger aber sollte gar keine Barriere zum Gottesdienstsaal haben. Er muss möglichst freihändig mit seinem meist rutschenden Headset auf und ab tigern und beim Reden spontan wirken. Am Besten predigt er mit Anschauungsmaterial. Geht es um das Jesuswort „Ich bin der gute Hirte“, dann wären zum Beispiel zwei bis drei verwirrte Schafe auf der Bühne ziemlich optimal. Nur die paar Gäste, die es gewohnt sind, von Berufswegen oder in der Volkshochschule Vortragende mit Manuskripten hinter Stehpulten zu erleben, werden sowas befremdlich finden. Für langjährige Gemeindemitglieder allerdings ist so ein freihändig predigender Tiger wirklich mal was anderes! Nicht für alle, natürlich. Manche von uns finden ihn nur dann nicht lächerlich, wenn er wirklich gut ist – oder authentisch. Und genau das finden auch Gäste sympathisch: Echtheit. Einladend sind wir dann, wenn wir das machen, was zu uns passt. Gäste sollten auch gerne in unsere „normalen“ Gottesdienste kommen. Sonst bleiben sie weg.

Kommentare:

eppendorfer hat gesagt…

Du bist ja richtig in Fahrt. Die ein- und erholsame Woche in der Fremde hat dich wohl inspiriert. Ich meine aber, dass es 'normale' Gottesdienste gibt, die man Gästen nicht unbedingt zumuten sollte. Ich muss da gar nicht so weit zurückdenken...

Anonym hat gesagt…

Das warst du ja ganz schön in Fahrt; ein Rundumschlag! Das ist zum Teil schon richtiges Insider-Wissen, Wikileaks jetzt auch bei der FeG :-).
Du meinst, das die Gemeinde sich bei einer solchen Veranstaltung nicht authentisch darstellt? Wahrscheinlich hast du Recht. Es gibt auf der anderen Seite auch 'normale' Gottesdienste, die man einem - unbedarften - Gast erst gar nicht zumuten sollte. Da kann auch der/die Leitung nichts mehr retten. Ich muss da gar nicht so lange zurück denken.
Mx

Annekatrin Warnke hat gesagt…

Wie schön! Da sind zwei Jungs sich ja mal richtig einig! :-)
Die Inspiration liegt schon Monate zurück. Mangels Zeit habe ich einfach eine meiner Glossen aus Christsein heute ins Netz gestellt.
Den Godie, an den ihr euch erinnert, kenne ich ja zu gut. Mit einer Predigt von max. 20 Minuten wäre der sehr schön gewesen. (Meint der "Rahmenmensch" - aber Wahrnehmungen sind natürlich unterschiedlich.)