Nächsten Monat werde ich 54 Jahre alt. Noch vor 100 Jahren waren Frauen in diesem Alter optisch Omas. Meine Friseuse sagte heute zu mir: "Wir schneiden die Haare mal wieder etwas frecher." Gut - meine Frisur ist jetzt nicht super stylisch. Aber vor 100 Jahren war "etwas frecher" für über 50-jährige so gar keine Option.
Am Wochenende heiratet meine älteste Tochter - über zwei Jahre, nachdem ihre "kleine" Schwester unter die Haube gekommen ist. Was haben wir gebetet, dass unsere "Große" auch Jemand findet, mit dem sie ihr Leben teilen kann. Bei der Hochzeit ihrer Schwester war sie noch Single. Und mein Mutterherz trug Trauer für sie. Nun hat sie ihren Traummann gefunden. Perfekt!
Wir freuen uns alle wie verrückt auf den Gottesdienst und die Party am Samstag. Unser "Nesthäkchen" kommt aus Prag - und bringt zum ersten Mal seine neue Freundin mit. Wie spannend ist das denn! Das Mädel ist Amerikanerin und mein Mann übt zum Spaß schon mal seine Standardwitze auf Englisch.
Der Gatte und ich freuen uns aufs Feiern, Lachen, Tanzen - und haben nicht das Gefühl, als steife Senioren am Rande stehen oder sitzen zu müssen. Das sieht ja so aus, wo Brauteltern in unserem Alter auf den uralten Familienfotos abgelichtet sind.
Wir haben heute ganz andere Möglichkeiten, zum Leben unserer jungen Erwachsenen noch dazu zu gehören. Wir stehen noch nicht als graue Eminenzen irgendwo am Rand, können sogar noch einigermaßen schick und attraktiv aussehen.
Heutzutage kann das Leben noch Spaß machen mit Mitte 50. Das ist echt ein Geschenk!
Mittwoch, 12. Oktober 2016
Montag, 15. August 2016
Gott - was soll das?
Diese Frage wird immer wieder gestellt bei allem Leid in der Welt. Je näher mir das Leid kommt, umso dringender wird diese Frage. Auch, weil ich dann plötzlich gefragt bin als Tröster - oder gar praktische Hilfe. Wieso soll ich nun ins Lot bringen, was Gott vielleicht verschlafen hat? Und was kann ich überhaupt ausrichten?
Seit gut einem Monat habe ich näheren Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. Die ist seit ca. sieben Monaten in Deutschland und musste ja erst mal das Erstaufnahmelager durchlaufen, bis sie in meiner Stadt/meiner Kirche gelandet ist.
Sie waren vier Menschen voller Hoffnung auf ein neues Leben: Der Vater, 45 Jahre alt; die Mutter, Anfang 40 und zwei Töchter, 18 und zehn Jahre alt. Die älteste Tochter ist schwer gehbehindert. Die Familie versprach sich u.a. für sie eine bessere medizinische Versorgung in Deutschland.
Am Samstag ist Josef beim Fahrradfahren plötzlich zusammengebrochen und gestorben: Herzinfarkt. Jetzt sitzt die Mutter - ich nenne sie mal Bahar - allein und verlassen mit einem ungewissen Flüchtlingsstatus in der Fremde. Die Großfamilie ist im Iran und es besteht keine Möglichkeit, gemeinsam zu trauern. Josefs Eltern bestehen auf eine Rückführung des Leichnams in sein Heimatland. Es gibt Niemand, der die horrenden Kosten dafür tragen will. Noch gut eine Woche wird das Krankenhaus die Leiche behalten. Einige Menschen arbeiten gerade fieberhaft daran, um alle rechtlichen/bürokratischen Fragen zu klären. Bahar und ihre Töchter können noch kaum Deutsch. Ohne Hilfe sind sie völlig lost in space - ganz abgesehen von ihrer tiefen, tiefen Trauer. Bahar ist nun bereits das zweite Mal verwitwet. Ihre älteste Tochter ist von ihrem ersten Mann. "Josef war für mich wie ein Engel", erzählt sie mir über die Dolmetscherin. "Er hat nie einen Unterschied zwischen meinen beiden Mädchen gemacht."
Ja - was soll man denn nun zu so einer Geschichte sagen? Die platte Weitergabe von tröstenden Bibelstellen hilft der geschlagenen Familie wenig. Nach einem Glaubensgrundkurs wollten sie sich übrigens alle am 27. September taufen lassen. Wo mag in diesem heftigen Drama irgendein Sinn stecken? Gott - was soll das?
Seit gut einem Monat habe ich näheren Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. Die ist seit ca. sieben Monaten in Deutschland und musste ja erst mal das Erstaufnahmelager durchlaufen, bis sie in meiner Stadt/meiner Kirche gelandet ist.
Sie waren vier Menschen voller Hoffnung auf ein neues Leben: Der Vater, 45 Jahre alt; die Mutter, Anfang 40 und zwei Töchter, 18 und zehn Jahre alt. Die älteste Tochter ist schwer gehbehindert. Die Familie versprach sich u.a. für sie eine bessere medizinische Versorgung in Deutschland.
Am Samstag ist Josef beim Fahrradfahren plötzlich zusammengebrochen und gestorben: Herzinfarkt. Jetzt sitzt die Mutter - ich nenne sie mal Bahar - allein und verlassen mit einem ungewissen Flüchtlingsstatus in der Fremde. Die Großfamilie ist im Iran und es besteht keine Möglichkeit, gemeinsam zu trauern. Josefs Eltern bestehen auf eine Rückführung des Leichnams in sein Heimatland. Es gibt Niemand, der die horrenden Kosten dafür tragen will. Noch gut eine Woche wird das Krankenhaus die Leiche behalten. Einige Menschen arbeiten gerade fieberhaft daran, um alle rechtlichen/bürokratischen Fragen zu klären. Bahar und ihre Töchter können noch kaum Deutsch. Ohne Hilfe sind sie völlig lost in space - ganz abgesehen von ihrer tiefen, tiefen Trauer. Bahar ist nun bereits das zweite Mal verwitwet. Ihre älteste Tochter ist von ihrem ersten Mann. "Josef war für mich wie ein Engel", erzählt sie mir über die Dolmetscherin. "Er hat nie einen Unterschied zwischen meinen beiden Mädchen gemacht."
Ja - was soll man denn nun zu so einer Geschichte sagen? Die platte Weitergabe von tröstenden Bibelstellen hilft der geschlagenen Familie wenig. Nach einem Glaubensgrundkurs wollten sie sich übrigens alle am 27. September taufen lassen. Wo mag in diesem heftigen Drama irgendein Sinn stecken? Gott - was soll das?
Freitag, 12. August 2016
Reise zum Anfang der Erde - ein Leseabenteuer
Die Reise zum Anfang der Erde hat mich so gefesselt, dass ich das Buch fast in einem Zug durchgelesen habe. Allerdings habe ich mir unterwegs immer wieder Seitenzahlen notiert. Da gibt es Passagen, zu denen ich unbedingt noch mal in Ruhe zurück kehren muss. Ewart Reder lässt seine Figuren oft Gedanken formulieren, die es wert sind, noch mal nachgedacht zu werden. Das wird helfen, manche Ideen besser zu verstehen oder eine Stellung dazu zu beziehen.
Zunächst aber wollte ich unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter geht von ZUSAMMEN=ARBEIT. Am Meisten hat mich interessiert, mehr über die Menschen zu erfahren, die in dieser Kommune zusammen gefunden haben. Die Selbsthilfegruppe kämpft gegen die Abholzung des Waldes. Der Autor schafft es meisterlich, mich neugierig zu machen auf diese Personen. Ich lerne sie jeweils in Momentaufnahmen kennen. Und im Zug der Handlung bekomme ich mehr und mehr Puzzleteile auch aus der Vergangenheit serviert. Dabei passiert es, dass sich meine Sympathien ändern. Es macht Spaß, Menschen so Stück für Stück besser kennenzulernen. Vor allem auch, weil es Ewart Reder gelingt, seinen Lesern die Freiheit zu lassen, selbst zu beurteilen, wie sie die Charaktere finden. Zu keiner Zeit bewertet er seine Figuren, er beobachtet und beschreibt sie. Das wertschätzt die Leser, nimmt sie ernst.
Auch die Geschichte ist spannend. Sie wird in relativ kurzen Sequenzen erzählt wie bei einem Film mit vielen Schnitten. Vieles wird erst im Rückblick zu einem passenden Puzzleteil, das die gesamte Geschichte klarer macht.
Die Handlung spielt in der nahen Zukunft und was sie skizziert, gruselt mich: Zu sehen war hauptsächlich Sand, Unmengen davon, eine grenzenlos scheinende, von der zurückgekehrten Sommersonne bis zur Schmerzlichkeit aufgehellte Fläche, die an ihrem äußersten, fernsten Rand zu einer bescheidenen Welle anstieg, ebenfalls aus Sand: die Hüttener Berge. Auch andere Teile Europas sind gezeichnet oder bedroht von der Abholzung des Waldes durch Rohstoff-Fonds. Die Hüttener Berge liegen fast vor meiner Haustür, ein bewaldetes, wunderschönes Wandergebiet. Beim Lesen der Reise frage ich mich schockiert, ob der Plot eine mögliche Zukunft beschreibt und ich beginne, mich ernsthaft für das Thema Baumschutz zu interessieren.
Auch andere Szenen lösen in mir Gefühle aus. Auf Sexszenen kann ich in vielen Büchern gut verzichten. Hier gibt es eine, die ich gelungen finde. Die Erotik kommt rüber. Vielleicht, weil ich die Düfte der Provence riechen kann, die das Paar einhüllen: Lavendel, Minze, Rosmarin. Dem Autor gelingt es, alle Sinne zu berühren.
Es gibt Szenen, die ich witzig finde - die von Frau Staneks Beerdigung zum Beispiel. Das ist eine skurrile Passage, erzählt mit trockenem Humor. Dieser Ton blitzt immer mal wieder auf in der Geschichte, jedenfalls für meine Ohren.
Stark ist aber auch der Ekel, der mich an manchen Stellen befällt. Eine Vergewaltigungsszene gehört dazu. Dort wird ein Opfer zur Täterin. Ihr Wunsch nach Rache ist verständlich. Aber ich fühle zutiefst, wie bitter es ist, wenn ein Opfer selbst zum Unmensch wird.
Weil die Geschichte mich emotional packt, finde ich es nicht tragisch, dass mein Kopf nicht immer sofort mitkommt. Es gibt zum Beispiel die Szene einer Bandprobe, von der ich als Nichtmusiker oberflächlich nichts verstehe, weil mir das Fachwissen fehlt. Das macht aber nichts, weil ich trotzdem mitkriege, was zwischen den Menschen im Übungskeller passiert. Andererseits entdecke ich als Bibelleser einige Bezüge zu biblischen Geschichten und zum christlichen Glauben. Da neige ich dann dazu, Botschaften in den Text rein zu lesen, die gar nicht beabsichtigt sind. Auch diese Freiheit lässt Ewart Reder, obwohl er gar keine Botschaften verkünden will. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise, getrieben von der Neugier aufs Fremde, wie ein Kritiker schrieb. Und am Ende des Romans steht tatsächlich eine Reise. Ein ausgemusterte Luxusliner ersetzt die Arche Noah, Afrika ist plötzlich für die Menschen aus Asien und Europa Zukunftsstätte und Hoffnungsquelle, so beschreibt es der Verlag.
Diese Reise, wie es dazu kam und wie es dann weitergehen kann am Anfang der Erde ist spannend zu verfolgen. Wie sich Menschen in Beziehungen verändern können, finde ich noch spannender. Der Roman zeigt da die ganze Bandbreite auf: von edel bis grausam. Ich interpretiere für mich ZUSAMMEN=ARBEIT deshalb auch so: Beziehung ist anstrengend.
Zunächst aber wollte ich unbedingt wissen, wie die Geschichte weiter geht von ZUSAMMEN=ARBEIT. Am Meisten hat mich interessiert, mehr über die Menschen zu erfahren, die in dieser Kommune zusammen gefunden haben. Die Selbsthilfegruppe kämpft gegen die Abholzung des Waldes. Der Autor schafft es meisterlich, mich neugierig zu machen auf diese Personen. Ich lerne sie jeweils in Momentaufnahmen kennen. Und im Zug der Handlung bekomme ich mehr und mehr Puzzleteile auch aus der Vergangenheit serviert. Dabei passiert es, dass sich meine Sympathien ändern. Es macht Spaß, Menschen so Stück für Stück besser kennenzulernen. Vor allem auch, weil es Ewart Reder gelingt, seinen Lesern die Freiheit zu lassen, selbst zu beurteilen, wie sie die Charaktere finden. Zu keiner Zeit bewertet er seine Figuren, er beobachtet und beschreibt sie. Das wertschätzt die Leser, nimmt sie ernst.
Auch die Geschichte ist spannend. Sie wird in relativ kurzen Sequenzen erzählt wie bei einem Film mit vielen Schnitten. Vieles wird erst im Rückblick zu einem passenden Puzzleteil, das die gesamte Geschichte klarer macht.
Die Handlung spielt in der nahen Zukunft und was sie skizziert, gruselt mich: Zu sehen war hauptsächlich Sand, Unmengen davon, eine grenzenlos scheinende, von der zurückgekehrten Sommersonne bis zur Schmerzlichkeit aufgehellte Fläche, die an ihrem äußersten, fernsten Rand zu einer bescheidenen Welle anstieg, ebenfalls aus Sand: die Hüttener Berge. Auch andere Teile Europas sind gezeichnet oder bedroht von der Abholzung des Waldes durch Rohstoff-Fonds. Die Hüttener Berge liegen fast vor meiner Haustür, ein bewaldetes, wunderschönes Wandergebiet. Beim Lesen der Reise frage ich mich schockiert, ob der Plot eine mögliche Zukunft beschreibt und ich beginne, mich ernsthaft für das Thema Baumschutz zu interessieren.
Auch andere Szenen lösen in mir Gefühle aus. Auf Sexszenen kann ich in vielen Büchern gut verzichten. Hier gibt es eine, die ich gelungen finde. Die Erotik kommt rüber. Vielleicht, weil ich die Düfte der Provence riechen kann, die das Paar einhüllen: Lavendel, Minze, Rosmarin. Dem Autor gelingt es, alle Sinne zu berühren.
Es gibt Szenen, die ich witzig finde - die von Frau Staneks Beerdigung zum Beispiel. Das ist eine skurrile Passage, erzählt mit trockenem Humor. Dieser Ton blitzt immer mal wieder auf in der Geschichte, jedenfalls für meine Ohren.
Stark ist aber auch der Ekel, der mich an manchen Stellen befällt. Eine Vergewaltigungsszene gehört dazu. Dort wird ein Opfer zur Täterin. Ihr Wunsch nach Rache ist verständlich. Aber ich fühle zutiefst, wie bitter es ist, wenn ein Opfer selbst zum Unmensch wird.
Weil die Geschichte mich emotional packt, finde ich es nicht tragisch, dass mein Kopf nicht immer sofort mitkommt. Es gibt zum Beispiel die Szene einer Bandprobe, von der ich als Nichtmusiker oberflächlich nichts verstehe, weil mir das Fachwissen fehlt. Das macht aber nichts, weil ich trotzdem mitkriege, was zwischen den Menschen im Übungskeller passiert. Andererseits entdecke ich als Bibelleser einige Bezüge zu biblischen Geschichten und zum christlichen Glauben. Da neige ich dann dazu, Botschaften in den Text rein zu lesen, die gar nicht beabsichtigt sind. Auch diese Freiheit lässt Ewart Reder, obwohl er gar keine Botschaften verkünden will. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise, getrieben von der Neugier aufs Fremde, wie ein Kritiker schrieb. Und am Ende des Romans steht tatsächlich eine Reise. Ein ausgemusterte Luxusliner ersetzt die Arche Noah, Afrika ist plötzlich für die Menschen aus Asien und Europa Zukunftsstätte und Hoffnungsquelle, so beschreibt es der Verlag.
Diese Reise, wie es dazu kam und wie es dann weitergehen kann am Anfang der Erde ist spannend zu verfolgen. Wie sich Menschen in Beziehungen verändern können, finde ich noch spannender. Der Roman zeigt da die ganze Bandbreite auf: von edel bis grausam. Ich interpretiere für mich ZUSAMMEN=ARBEIT deshalb auch so: Beziehung ist anstrengend.
Montag, 27. Juni 2016
Und plötzlich ist ISLAND auf dem Schirm!
Hammer! Bin kein Fußballnarr, aber das EM-Spiel heute hat mich mal echt geflasht. Underdogs gegen Favouriten ist ja immer eine coole Geschichte. Deshalb hat mich der Sieg Islands sowieso gefreut. Aber es ist auch echt spannend zu gucken wie Isländer so drauf sind.
Die feiern ja ganz anders als z.B. die Italiener heute am frühen Abend. Da gab es überschwängliche Salti, Armzüge am Tor, Küsse und Tanz.
Die Isländer haben sich offensichtlich auch gefreut - aber eben nordisch zurückhaltend. Die Mannschaft stand fest auf den Beinen beim Feiern mit den Fans. Nicht der Hauch eines Tänzelns war zu entdecken. Dann haben die Fußballer angefangen, langsam rhythmisch zu klatschen. Ab und zu riefen sie gemeinsam mit den Fans "Uh!" Unterwegs wurde der Rhythmus ein bisschen flotter - und das wars mit der Euphorie.
Wunderbar! Das hatte was von Wikingern und Stammesriten - nordischen Riten. Ich fand das super. Wahrscheinlich, weil diese mehr introvertierte Freude mir entgegen kommt. Bin ja auch nicht so der Latino-Typ. :-)
Wenn ich mir die isländische Nationalmannschaft angucke - diese ganzen "sons" - kann ich sagen: Ich mag die Isländer. Geht vermutlich nicht nur mir so. Wäre ich bloß mal schon letztes Jahr nach Island in den Urlaub gefahren!
Die feiern ja ganz anders als z.B. die Italiener heute am frühen Abend. Da gab es überschwängliche Salti, Armzüge am Tor, Küsse und Tanz.
Die Isländer haben sich offensichtlich auch gefreut - aber eben nordisch zurückhaltend. Die Mannschaft stand fest auf den Beinen beim Feiern mit den Fans. Nicht der Hauch eines Tänzelns war zu entdecken. Dann haben die Fußballer angefangen, langsam rhythmisch zu klatschen. Ab und zu riefen sie gemeinsam mit den Fans "Uh!" Unterwegs wurde der Rhythmus ein bisschen flotter - und das wars mit der Euphorie.
Wunderbar! Das hatte was von Wikingern und Stammesriten - nordischen Riten. Ich fand das super. Wahrscheinlich, weil diese mehr introvertierte Freude mir entgegen kommt. Bin ja auch nicht so der Latino-Typ. :-)
Wenn ich mir die isländische Nationalmannschaft angucke - diese ganzen "sons" - kann ich sagen: Ich mag die Isländer. Geht vermutlich nicht nur mir so. Wäre ich bloß mal schon letztes Jahr nach Island in den Urlaub gefahren!
Samstag, 25. Juni 2016
Schlagzeilen und Menschen
"Im Kaifu-Bad in Eimsbüttel hat sich am Mittwochnachmittag ein schwerer Badeunfall ereignet.Ein kleines Mädchen (6) drohte aus bisher unbekannter Ursache zu ertrinken und musste von den Rettern noch vor Ort reanimiert werden. Der schwere Unfall ereignete sich gegen etwa 17 Uhr. Die Kleine war im Becken abgesunken und wurde aus dem Wasser gezogen. Die alarmierten Rettungskräfte reanimierten das Mädchen. Glücklicherweise erlangte das Kind noch vor Ort das Bewusstsein zurück und kam anschließend unter notärztlicher Begleitung ins UKE. Lebensgefahr besteht nicht. Wie genau es zu dem Unfall kommen konnte, muss jetzt geklärt werden."
So las man am Mittwoch in der "MoPo". Eine Notiz, die für Unbeteiligte untergeht inmitten der Fülle von Nachrichtenmeldungen jeden Tag.
Jetzt weiß ich: Die "Kleine" ist die geliebte Enkelin von guten "alten" Bekannten. Wir haben vor Jahren schon den 60. Geburtstag der Großeltern mitgefeiert. Und plötzlich bekommt so eine "Randnotiz" ein vertrautes Gesicht. Wir freuen uns mit den Eltern und Großeltern, dass alles gut ausgegangen ist. Aber die Erschütterung der Familie ist ja passiert. Alpträume werden erst mal bleiben.
Hinter jeder knappen Schlagzeile über Unfall-, Kriegs- oder Mordopfer stehen persönliche Geschichten und Beziehungen. Keine dieser Nachrichten ist einfach nur eine Meldung. Leidende und trauernde, auf jeden Fall erschütterte Menschen gehören zu diesen sachlichen Notizen.
Mitleiden statt Gewöhnung: Ist das überhaupt möglich - außer in Einzelfällen? Wünschenswert ist echtes Mitleiden auf jeden Fall. Aber bei der Fülle von schlechten Nachrichten über menschliches Leid: Lässt sich das durchhalten ohne dran kaputt zu gehen? Ist Gewöhnung auch ein Selbsterhaltung-Schutz? Vermutlich ja - trotzdem kommt mir das unmenschlich vor.
Mittwoch, 23. März 2016
Fünf Brote und zwei Fische
Fromme Leser kennen vermutlich den Druck: Wie soll ich als Christ im Alltag positive Impulse geben? Ich habe keine Stimme, ich habe keine Bedeutung, ich habe meine Fehler, ich habe meine Sünden...SO kann ich doch nix bewirken!
Das Geheimnis ist: ICH muss auch nix bewirken! Es geht darum, das Wenige, was ich zu bringen habe, vertrauensvoll und ehrlich zu geben. Gott ist der, welcher Wunder wirkt, nicht ich. ER kann aus Wasser Wein machen, ER kann mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt machen.
Wie entspannend ist das denn! Jesus ist für die Wirkung zuständig, nicht ich. Und: ER ist auch für das "wann" der Wirkung zuständig.
Ein Beispiel aus meinem Alltag: Vor ca. zwei Jahren habe ich beschlossen, einen Teil meiner freien Zeit nicht meiner Gemeinde ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen, sondern der Stadt. Seither arbeite ich für die örtliche "Tafel". Jeden Dienstag entlade ich die Sprinter von der Ware, baue die Lebensmittel im "Verkaufsraum" auf und bediene anschließend die "Kunden". Das alles natürlich im Team. In den ersten Monaten ergab sich keine Chance, mich bei den Kolleginnen als Christ zu outen. Ok - ich hätte mich natürlich in der ein oder anderen Pause auf einen Stuhl stellen und predigen können. Aber so was entspricht nicht meiner Natur.
Ich habe einfach fröhlich meinen Dienst gemacht, "small getalked", interessiert zugehört. Nach einem guten halben Jahr dann zum ersten Mal die Frage: "Wieso kennst du einige von den Flüchtlingen so gut?" Das war dann die Chance, von meiner Freikirche zu erzählen, die eine gute Flüchtlingsarbeit macht, wo ich auch mitarbeite.
Noch mal vier Monate später dann das erste vertrauliche Gespräch mit einer Kollegin, die persönliche Probleme hat.
Und gestern sagt eine andere Kollegin zu mir: "Du gibst hier jeden Dienstag so viel Liebe - deshalb bekommst du die von uns auch zurück." Wow! Ich habe keine Ahnung, woran sie das festgemacht hat. Ich bin weder der Umarmungstyp, noch eine Frau, die von liebevollen Worten übersprudelt. Ich sehe mich eher als nüchtern, manchmal entfährt mir gar eine ironische Spitze. Und trotzdem scheint rüber zu kommen, dass ich Kolleginnen und Kunden mag, die mir bei der Tafel begegnen. Das ist eben das Geheimnis der "Brotvermehrung". Gott kann Menschen "satt" machen mit dem winzigen, unvollkommenen Bisschen, das ich ehrlich in mir habe.
Das mal so als Ermutigung für alle, die meinen, sie wären nicht genug. Gib, was du du kannst - für die Fülle sorgt Gott.
Das Geheimnis ist: ICH muss auch nix bewirken! Es geht darum, das Wenige, was ich zu bringen habe, vertrauensvoll und ehrlich zu geben. Gott ist der, welcher Wunder wirkt, nicht ich. ER kann aus Wasser Wein machen, ER kann mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt machen.
Wie entspannend ist das denn! Jesus ist für die Wirkung zuständig, nicht ich. Und: ER ist auch für das "wann" der Wirkung zuständig.
Ein Beispiel aus meinem Alltag: Vor ca. zwei Jahren habe ich beschlossen, einen Teil meiner freien Zeit nicht meiner Gemeinde ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen, sondern der Stadt. Seither arbeite ich für die örtliche "Tafel". Jeden Dienstag entlade ich die Sprinter von der Ware, baue die Lebensmittel im "Verkaufsraum" auf und bediene anschließend die "Kunden". Das alles natürlich im Team. In den ersten Monaten ergab sich keine Chance, mich bei den Kolleginnen als Christ zu outen. Ok - ich hätte mich natürlich in der ein oder anderen Pause auf einen Stuhl stellen und predigen können. Aber so was entspricht nicht meiner Natur.
Ich habe einfach fröhlich meinen Dienst gemacht, "small getalked", interessiert zugehört. Nach einem guten halben Jahr dann zum ersten Mal die Frage: "Wieso kennst du einige von den Flüchtlingen so gut?" Das war dann die Chance, von meiner Freikirche zu erzählen, die eine gute Flüchtlingsarbeit macht, wo ich auch mitarbeite.
Noch mal vier Monate später dann das erste vertrauliche Gespräch mit einer Kollegin, die persönliche Probleme hat.
Und gestern sagt eine andere Kollegin zu mir: "Du gibst hier jeden Dienstag so viel Liebe - deshalb bekommst du die von uns auch zurück." Wow! Ich habe keine Ahnung, woran sie das festgemacht hat. Ich bin weder der Umarmungstyp, noch eine Frau, die von liebevollen Worten übersprudelt. Ich sehe mich eher als nüchtern, manchmal entfährt mir gar eine ironische Spitze. Und trotzdem scheint rüber zu kommen, dass ich Kolleginnen und Kunden mag, die mir bei der Tafel begegnen. Das ist eben das Geheimnis der "Brotvermehrung". Gott kann Menschen "satt" machen mit dem winzigen, unvollkommenen Bisschen, das ich ehrlich in mir habe.
Das mal so als Ermutigung für alle, die meinen, sie wären nicht genug. Gib, was du du kannst - für die Fülle sorgt Gott.
Dienstag, 1. März 2016
Ahab, Isebel und die Flüchtlingsfrage
(Auszug aus meiner Predigt. Es hilft, 1. Könige, Kapitel 21 dazu zu lesen)
Ahab symbolisiert für mich Deutschland – besonders meine Generation und die
Nachfolger.
Wir leben in unserem Land wie in einem schönen Palast.
Genau wie Ahab haben wir den nicht verdient, bloß geerbt.
Zum ersten Mal wurde mir meine unverdiente glückliche Geburt an richtiger
Stelle viele Jahre vor dem Mauerfall deutlich.
Meine Eltern waren mit einem Ehepaar befreundet, das in Karl-Marx-Stadt
lebte. (Heute Chemnitz). Wir haben diese Freunde ab und an besucht.
Was immer nervenaufreibend war wegen der strengen Kontrollen an der
innerdeutschen Grenze.
Das Ehepaar hatte fünf Kinder, rund um mein Alter verteilt.
Ich mochte die ganze Familie gut leiden – auch wegen des besonderen
sächsischen Humors, dem Sinn für Ironie.
Ich habe mich mit 18 schon gefragt: Warum darf ich auf der „freien“ Seite
der Mauer leben? Womit habe ich das verdient? Es hätte auch alles ganz anders
kommen können…
Ahab würde sich sowas nie fragen.
Ahab nimmt seine unverdienten Privilegien als selbstverständlich.
Ahab regt sich nur dann, wenn er Angst hat, dass ihm etwas vorenthalten
oder weg genommen wird.
So, wie sich in unserem Land angesichts der Flüchtlingskrise auch negative
Stimmen regen. Am geläufigsten ist wohl diese Anklage: Die Flüchtlinge haben
alle Smartphones!
Das ist genauso unmöglich wie Ahab mit seinem riesen Palast, den Gärten
drumrum und dem Komfort. Er schielte auf den vergleichsweise sehr armen Nabot
und sagte: Der hat einen Weinberg!
Für viele Flüchtlinge ist das Smartphone der einzige Gegenstand, den sie
mitnehmen konnten. Der einzige Gegenstand, der sie mit ihrer Familie, ihrer
Geschichte verbindet. Darüber halten sie Kontakt – so wie sich Nabot auch mit
seinen Ahnen durch den geerbten Familienbesitz verbunden wusste.
Auf dem Smartphone speichern sie Erinnerungen.
Ich habe zuhause vier große Regale voller Ringbücher. Das sind meine
Fotoalben. Erinnerungen an 53 Jahre,
festgehalten in besonderen Momenten. Wenn ich fliehen müsste – ich müsste das
alles zurück lassen. Ich wäre froh über jede Erinnerung, jedes Foto, das ich
auf meinem Smartphone gespeichert hätte.
Und da wollen wir ernsthaft her kommen und sagen: Die Flüchtlinge sind gar
nicht so bedürftig? Die haben alle Smartphones?
-
Das ist egozentrische Ahab-Denke.
Und von da ist der Schritt zur mörderischen Isebel-Denke und –Tat nicht
weit.
Beim Thema „Flüchtlinge“ will ich bestimmt nicht einer blauäugigen
„Alles-wird-gut-Kultur“ das Wort reden. Es ist ein Problem – und es gibt keine
einfachen Lösungen.
Aber ich bin sicher: Als Christen sind wir aufgerufen, „pro Flüchtlinge“ zu
denken und zu handeln – und nicht gegen sie. Der Geist Gottes steht dem Geist
Isebels völlig entgegen. Gott sagte schon im AT sehr deutlich Folgendes:
„Unterdrückt nicht die Fremden, die in eurem Land leben, sondern behandelt
sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger
lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen
seid. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (3. Mose 19.33-34)
Deutlicher geht’s doch gar nicht, oder?
Mittwoch, 20. Januar 2016
Familienforschung...
...so was macht Spaß. Und kostet Zeit. Ich bin gerade dabei, meine Verwandschaft in USA aufzuspüren. Noch vor dem 2. Weltkrieg sind zwei Geschwister meiner Oma mütterlicherseits aus Hemer in Westfalen in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Auch, um Geld für die Daheimgebliebenen zu verdienen.
Meine Großtante Else und mein Großonkel Otto haben beide Familien gegründet. Ihre Enkel und Urenkel sind zahlreich über das Land verstreut.
Ein Sohn von Else ist im gleichen Jahr wie meine Mutter geboren. Weil Else einen deutschen Mann geheiratet hat, wurde zu Hause viel Deutsch gesprochen.
Seit drei Wochen schreiben Fred und ich uns in einem Mischmasch aus Englisch und Deutsch. Das ist bisweilen lustig und immer hochinteressant. Fred hat einen Stammbaum erstellt, der bis ins 18. Jahrhundert zurück reicht. Meine Ugroßmutter stammt aus einer alteingessenen Familie aus Linkenheim. Das ist bei Karlsruhe. Als Kind bin ich mit meiner Oma öfter dort gewesen.
Auch Fred,seine Frau und die vier Kinder habe ich mal kennengelernt - 1978 in Albuquerque, New Mexico. Da war ich 15. Wir sind uns seither nie mehr begegnet und lernen und jetzt ganz neu kennen. Es macht Spaß, Familienähnlichkeiten zu entdecken - im Denken, im Humor, im Glauben.
Fred hat auch viele alte Dokumente und Fotos gescannt. Durch "Detektiv-Arbeit" kann man im Vergleichen und Interpretieren so manchem alten Familiengeheimnis auf die Spur kommen. Da noch tiefer zu graben, könnte ein neues Hobby von mir werden.
Meine Großtante Else und mein Großonkel Otto haben beide Familien gegründet. Ihre Enkel und Urenkel sind zahlreich über das Land verstreut.
Ein Sohn von Else ist im gleichen Jahr wie meine Mutter geboren. Weil Else einen deutschen Mann geheiratet hat, wurde zu Hause viel Deutsch gesprochen.
Seit drei Wochen schreiben Fred und ich uns in einem Mischmasch aus Englisch und Deutsch. Das ist bisweilen lustig und immer hochinteressant. Fred hat einen Stammbaum erstellt, der bis ins 18. Jahrhundert zurück reicht. Meine Ugroßmutter stammt aus einer alteingessenen Familie aus Linkenheim. Das ist bei Karlsruhe. Als Kind bin ich mit meiner Oma öfter dort gewesen.
Auch Fred,seine Frau und die vier Kinder habe ich mal kennengelernt - 1978 in Albuquerque, New Mexico. Da war ich 15. Wir sind uns seither nie mehr begegnet und lernen und jetzt ganz neu kennen. Es macht Spaß, Familienähnlichkeiten zu entdecken - im Denken, im Humor, im Glauben.
Fred hat auch viele alte Dokumente und Fotos gescannt. Durch "Detektiv-Arbeit" kann man im Vergleichen und Interpretieren so manchem alten Familiengeheimnis auf die Spur kommen. Da noch tiefer zu graben, könnte ein neues Hobby von mir werden.
Montag, 28. Dezember 2015
Weihnachten 2015...
...ist nun auch schon Geschichte. Am 23.12. sind die Kinder alle eingetrudelt und der Gatte und ich kamen von Null auf Hundert. Ja gut, nicht ganz so dramatisch: Von Zwei auf Sieben. Die meiste Zeit des Jahres bewohnen wir unser Häuschen schon einige Jahre nur zu Zweit. Was sehr entspannt und aufgeräumt ist. Über Weihnachten sind wir derzeit fünf Menschen mehr. Was sich ja noch steigern kann. :-)
Am Morgen des 23.12. kam zuerst unser Auslandsstudent aus Prag - mit einem Nachtbus, der gegen 22.00 in dieser wunderbaren Stadt gestartet war. Nachmittags trudelte unsere Tochter aus Essen mit ihrem Ehemann ein und gegen 18.00 dann auch die Tochter aus der Nachbarstadt mit ihrem Freund.
Was bin ich froh, dass wir Schlafplätze für alle haben. Und ein zweites Bad.
Und wie dankbar bin ich, dass ich mit 53 noch fit genug bin, um die Turbulenzen nicht nur zu wuppen, sondern auch wirklich zu genießen!
Die ersten Weihnachten, nachdem alle Kinder ausgezogen waren, musste ich mich erst mal an das Chaos für ein paar Tage gewöhnen. Inzwischen habe ich gelernt, dass sie ja ihre Klüngeln mitnehmen, wenn sie wieder ausziehen: Die gefühlt 100 Schuhe, die unsere Diele vollstellen, die zahlreichen Winterjacken, die unsere Garderobe voll hängen, die Kulturbeutel, die Koffer und Taschen - eben alles, was unser Haus plötzlich so voll aussehen lässt.
Und deswegen habe ich dieses Jahr Weihnachten von Herzen genießen können: Die Gespräche, die Scherze, sogar das Gesellschaftsspiel und vor allem die ellenlangen, gemütlichen Frühstücke.
Seit heute Morgen ist das Haus wieder leer. Und ich freue mich schon auf nächstes Jahr Weihnachten. Wer weiß - vielleicht sind wir dann schon mehr als Sieben. Noch ist Platz für zusätzliche Matratzenlager und auch Reisebettchen. :-)
Am Morgen des 23.12. kam zuerst unser Auslandsstudent aus Prag - mit einem Nachtbus, der gegen 22.00 in dieser wunderbaren Stadt gestartet war. Nachmittags trudelte unsere Tochter aus Essen mit ihrem Ehemann ein und gegen 18.00 dann auch die Tochter aus der Nachbarstadt mit ihrem Freund.
Was bin ich froh, dass wir Schlafplätze für alle haben. Und ein zweites Bad.
Und wie dankbar bin ich, dass ich mit 53 noch fit genug bin, um die Turbulenzen nicht nur zu wuppen, sondern auch wirklich zu genießen!
Die ersten Weihnachten, nachdem alle Kinder ausgezogen waren, musste ich mich erst mal an das Chaos für ein paar Tage gewöhnen. Inzwischen habe ich gelernt, dass sie ja ihre Klüngeln mitnehmen, wenn sie wieder ausziehen: Die gefühlt 100 Schuhe, die unsere Diele vollstellen, die zahlreichen Winterjacken, die unsere Garderobe voll hängen, die Kulturbeutel, die Koffer und Taschen - eben alles, was unser Haus plötzlich so voll aussehen lässt.
Und deswegen habe ich dieses Jahr Weihnachten von Herzen genießen können: Die Gespräche, die Scherze, sogar das Gesellschaftsspiel und vor allem die ellenlangen, gemütlichen Frühstücke.
Seit heute Morgen ist das Haus wieder leer. Und ich freue mich schon auf nächstes Jahr Weihnachten. Wer weiß - vielleicht sind wir dann schon mehr als Sieben. Noch ist Platz für zusätzliche Matratzenlager und auch Reisebettchen. :-)
Sonntag, 15. November 2015
Merci
Folgenden Text habe ich neulich mal entworfen. Besonders wichtig ist mir das "Fette". Auch ich trauere aus ganzem Herzen mit "Paris". Aber ich habe ebenfalls Angst davor, dass diese Trauer gegen Flüchtlinge instrumentalisiert wird. Meine Generation und die Nachfolger dürfen nicht vergessen, dass es nicht unser Verdienst ist, in einem sicheren Land zu leben...
Um 7.15 klingelt mein Wecker. Ich sehe durch die Schlitze der Jalousie:
Dieser Tag im Oktober beginnt ungemütlich nass und wahrscheinlich auch kalt.
Ich kuschel mich noch mal fünf Minuten unter meine warme Bettdecke. Mir geht es
erstaunlich gut. Gestern fühlte ich mich so richtig krank: verstopfte Nase,
Kopf- und Halsschmerzen, Husten – das ganze fiese Erkältungsprogramm. Zur Nacht
hatte ich Aspirin genommen und offensichtlich hat es gewirkt. Mein erster Dank
heute Morgen geht an die unbekannten Erfinder dieses Wirkstoffes. Später werde
ich googlen, wem ich diese Wohltat zu verdanken habe.
Gegen 7.35 sitze ich im Bademantel am Frühstückstisch, freue mich auf
meinen Kaffee und das Hamburger Abendblatt. Das fischt mein Mann jeden Morgen
kurz vor Sieben aus dem Briefkasten. Er findet es dort zuverlässig von Montag
bis Samstag. Und das nur, weil unser Zeitungszusteller zu nachtschlafender Zeit
bei Wind und Wetter unterwegs ist, um uns die Morgenlektüre zu sichern. Danke,
Sahid! (Wir kennen seinen Namen, weil wir immer zu Weihnachten eine Grußkarte
von ihm in der Post haben. Und natürlich setzen wir unseren Dank dann auch in
ein angemessenes Weihnachtsgeld um.)
Heute Morgen titelt das Abendblatt in fetten Lettern: „Auch im Winter
müssen Flüchtlinge in Zelten leben“. Das trübt meinen Kaffeegenuss. Gerade
auch, weil ich noch ganz frisch weiß, wie es einem mit einer fiesen Erkältung
geht. Und dann auch noch frieren müssen? Ganz gruselige Vorstellung!
Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass ich kein Flüchtling bin. Das ist
ein Privileg, das ich mir nicht selbst verdient habe. Noch nicht mal meine
Eltern haben etwas dazu beigetragen, sie waren völlig unpolitisch. Und einer
meiner Großväter war sogar Zeit seines Lebens kein Hitler-Feind…
Trotzdem darf ich die Früchte genießen, welche die Väter des Grundgesetzes
erarbeitet und viele politisch handelnde Menschen in unserem Land verteidigt
haben. Ich sollte mir angewöhnen, jeden Tag dafür „danke“ zu sagen!
Da fällt mir ein: Dankbar bin ich auch für meine Kirchengemeinde. Sie hat
ein „Willkommen-Cafe“ für Flüchtlinge in ihren Räumen etabliert. Dort arbeite
ich mit und habe so die Chance, wenigstens Einige von ihnen zu unterstützen.
Wir helfen dort beim Deutschlernen und knüpfen Beziehungen. Wie schön war das
neulich mit den Iranerinnen Leila und Masoumeh bei mir im Garten! Die Gespräche
mit ihnen laufen noch ein bisschen holprig, aber die Beiden machen rasante
Fortschritte in Deutsch. Und mein Horizont wird unglaublich erweitert.
Heute ist übrigens Donnerstag, da hat das Abendblatt immer eine Beilage,
die u.a. neue Kinofilme vorstellt. Da freue ich mich immer drauf. Ich gehe
gerne ins Kino und muss dafür nicht mal nach Hamburg rein fahren. In meiner
Kleinstadt gibt es tatsächlich ein
„Dorfkino“! Das erreiche ich in knapp
vier Minuten zu Fuß. Nur einmal links die Sackgasse runter, dann den
Trampelpfad durch die Hecke, eben über die Bundesstraße – und schon bin ich da.
Montagabend waren wir in „Alles steht Kopf“. Das ist der neueste
Pixar/Disney-Film und er ist ganz wunderbar. Sehr witzig und sehr klug. Was bin
ich den Kinobetreibern dankbar, dass sie vor 15 Jahren das Risiko eingegangen
sind, diesen Standort zu wählen. Inzwischen ist dieses Vergnügen aus unserem
Städtchen gar nicht mehr weg zu denken.
Wobei richtig gute Filme ja nicht nur Vergnügen machen, sondern auch Tränen
fließen lassen. So wie „Honig im Kopf“ – der vielleicht beste deutsche Film des
Jahres. Und das trotz Til Schweiger in einer Hauptrolle! Den mag ich als
Schauspieler so gar nicht. Allein mal dieses unsägliche Genuschel! Aber er ist
ein guter Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Für „Honig im Kopf“ und die
Besetzung der Hauptrolle mit Dieter Hallervorden kann man ihm echt mal ein
dickes „Danke“ sagen.
Unglaublich! Es ist erst 8.15 und mir sind schon so viele „Bedankemichs“
eingefallen. Nach dem Duschen werde ich als erstes die Mülltonne wieder aufs
Grundstück fahren. Und in Gedanken werde ich einen Gruß an die Müllmänner
schicken. Die sind treu und brav bei Wind und Wetter unterwegs, um meinen Dreck
weg zu machen. Später will ich versuchen, unsere Postbotin abzufangen. Es wird
Zeit, ihr mal zu sagen, dass ich für ihre verlässliche Dienstleitung echt
dankbar bin. Sehr schade übrigens, dass ich so gar nicht singen kann. Das wäre
mal was, für sie die „Merci-Werbung“ zu inszenieren! Vorstellen kann ich mir
das gut: Während die Postbotin an meinem Briefkasten nestelt, stürze ich,
untermalt von Pauken und Trompeten, mit meiner Schokoladentafel aus der
Haustür. Und schmetter der Dame voller
Inbrunst entgegen: „Du bist der hellste Punkt an
meinem Horizont! Du bist der
Farbenklecks in meinem „grau-in-grau“! Du
bist das Hänschenklein in meinem Kinderlied! Merci,
dass es dich gibt!“
Nun ja – die Postbotin, die Müllmänner, der
Zeitungszusteller und Til Schweiger dürfen auch mir „danke“ sagen: Ich erspare
ihnen diese abstruse Darbietung.
Mittwoch, 4. November 2015
Der neue "Einblick" ist da!
Bei Lust drauf auf www.fegn.de gehen. Dann links unter "Aktuelles" einfach auf "Einblick" klicken. :-)
Donnerstag, 29. Oktober 2015
"Freischwimmer"
Dieses Buch verdient m.E. aus zwei Gründen fünf Sterne bei Amazon:
Zum einen ist es völlig anders als andere Bücher aus frommen Verlagen.
Normalerweise bekommt der Leser in so was die festgemauerte
Meinung/Glaubensüberzeugung der jeweiligen Autoren als „Überredungskunst“
präsentiert. In diesem Buch begleitet der Leser den Autor Torsten Hebel auf
einer Suche - der Suche nach Gott. Wir erleben hautnah einen Mann, der sich
einst so sicher war in seiner Beziehung zu Gott, dass er in Evangelisationen
begeistert zu einem Leben mit ihm eingeladen hat. Irgendwann in seinen
Vierzigern hat er diesen Glauben verloren. Was ihn zutiefst traurig macht. In
unvorbereiteten Gesprächen mit Freunden und Weggefährten versucht Torsten
Hebel, Antworten zu finden auf seine Glaubenszweifel. Diese protokollierten
Gespräche nehmen den größten Teil des Buches ein und sind höchstspannend. Es
ist zu keiner Sekunde langweilig die engagierten und herzlichen Diskussionen
mit Bettina Becker, Christina Brudereck, Andreas Malessa oder „Heiner“ Rust
mitzuerleben. Laut Vorwort scheint Torsten Hebel der Meinung, er mute dem Leser
völlig Ungehöriges zu: „Noch können Sie umkehren. Noch ist es nicht zu spät.
Sie können das Buch direkt wieder zuklappen…“ Sehr sympathisch, dass der Autor
die Worte von Andreas Malessa zum Thema „Glaubenszweifel“ da nicht gelöscht
hat! Malessa sagt: „Das ist alles nichts Neues, und es ist auch nicht einmal etwas
Schlimmes. Häng die ganze Thematik tiefer und glaub nicht, dass dir da etwas
Ungewöhnliches passiert, dass du der Einzige seist oder dass das besonders
revolutionär sei.“ Ja danke, Herr Malessa! Ähnliches hätte ich dem Autor auch
sagen wollen. Und das ist genau das Besondere an dem Buch: Wir begleiten Jemand
auf seinem Weg. In dem Fall erfahren wir, dass Torsten Hebel sich diese Worte
zu Herzen genommen hat und wie er damit weitergeht. Wo gibt es das schon: Ein
Buch, in dem man einen Menschen in seinen Weiterdenk- und Entwicklungsprozessen
begleiten kann?
Der zweite Grund für die fünf Sterne: An manchen Stellen fordert mich das
Buch so heraus, dass ich mich gerne sofort in die Gespräche einmischen würde –
und zwar kritisch. Das ist nicht der Fall, wenn es um die großen Anfragen an
Gott geht, zum Beispiel: Wenn es dich gibt, warum dann soviel Leid? Diese Frage
habe ich auch – und ich finde es großartig, wenn jemand dann als Mensch
anfängt, seinen Teil zu tun, um das Leid zu mindern. So wie Torsten Hebel mit
seiner Bluboks.
Ich möchte dann kritisch nachfragen, wenn der Autor aus seiner eigenen
Biografie heraus Gründe für seine Gotteszweifel liefert. Da stehe ich dann mit ? davor und frage mich: Warum ist er nicht einfach dankbar dafür,
wie alles so gelaufen ist? Trotz abwesendem leiblichen Vater so viel Liebe von
der Mama, den Geschwistern, dem Stiefvater. Trotz (normalen) Unzulänglichkeiten
der Ortsgemeinde so viel Freiraum, um Gaben zu entfalten. Und dann – irgendwie
ja zugefallen – diese aufbauende Zeit als Schauspieler in L.A. Und warum ist die Idee so schlimm,
dass Gott uns „trotz“ liebt? Ist das nicht gerade Liebe? „Trotz“ des Negativen
das Potential zu sehen, wertzuschätzen, lieb zu haben und zu fördern? Ist doch
irgendwie genau das, was der Erfinder der „Bluboks“ praktiziert, oder?
Ja, wie gesagt: Ein Buch ist auch dann sehr gut, wenn es einen kritisch
weiter beschäftigt. Es bleibt bei fünf Sternen.
Freitag, 16. Oktober 2015
Mein Eintrag im Gästebuch vom...
...Schmidtchen auf der Reeperbahn:
Freitag, 16-10-15 17:53
Ich war gestern Abend auch bei Torsten Hammann. Es macht unglaublich viel Spaß, ihm zuzugucken! Kaum zu glauben, dass er die ganze Zeit mit seinem genialen Musiker alleine auf der Bühne stand. Es war als wäre sie von Persönlichkeiten "bevölkert". Die Ulla, die 36, der Patrick, der Igor, der Olli ... - die waren alle dort mit ihren ganz eigenen Charakteren, Macken und Ticks. Und dann noch die grandiosen Beine von Frau Berg! :-) Großes Kino, Chapeau!
Und hier der Link:
https://www.tivoli.de/programm-tickets/komma-rein-hier.html
Um Weihnachten rum kann man Karten für Februar erwerben. Ich denke, ich schenke mir das selbst und gehe noch mal hin! :-))
Freitag, 16-10-15 17:53
Ich war gestern Abend auch bei Torsten Hammann. Es macht unglaublich viel Spaß, ihm zuzugucken! Kaum zu glauben, dass er die ganze Zeit mit seinem genialen Musiker alleine auf der Bühne stand. Es war als wäre sie von Persönlichkeiten "bevölkert". Die Ulla, die 36, der Patrick, der Igor, der Olli ... - die waren alle dort mit ihren ganz eigenen Charakteren, Macken und Ticks. Und dann noch die grandiosen Beine von Frau Berg! :-) Großes Kino, Chapeau!
Und hier der Link:
https://www.tivoli.de/programm-tickets/komma-rein-hier.html
Um Weihnachten rum kann man Karten für Februar erwerben. Ich denke, ich schenke mir das selbst und gehe noch mal hin! :-))
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Per PKW unterwegs in Europa...
... das ist ein fast ungetrübtes Vergnügen.
Ende September brachen wir nördlich von Hamburg auf nach Wien. Unterwegs legten wir eine Zwischenübernachtung mitten in der Altstadt von Pirna ein. Dort ist es echt nett! Am nächsten Tag ging es an Prag vorbei bis in die österreichische Hauptstadt. An der Grenze zu Tschechien warfen wir einen geschockten Blick auf die Gegenrichtung: Kilometerlanger Stau wegen der aktuellen Grenzkontrollen. Oh je! Da müssen wir in zehn Tagen auch durch! Außerdem müssen wir zweimal anhalten, um ein "Pickerl" zu erwerben: Eines für die CSSR und eines für Österreich. Und das für teilweise üble Straßen! Wieso eigentlich rollen alle PKWS unentgeltlich über unsere schönen Autobahnen? (Ja- ich weiß: Deutsche zahlen ihre Straßen über die KFZ-Steuer - doppelt zahlen wollen wir nicht. Und in der EU gilt die Gleichbehandlung. Aber trotzdem: Eine fairere Lösung als derzeit muss doch möglich sein???)
In Wien beziehen wir eine großartige Altbauwohnung im 18. Bezirk. Die U-Bahn ist gleich um die Ecke und wir sind mit ihr in 15 Minuten am Stephansplatz. Unser Auto parkt die fünf Tage friedlich in einer Nebenstrasse ohne Kurzparkzone - perfekt!
Später fahren wir weiter ins Burgenland. Mit unserem Auto umrunden wir den Neusiedler-See. Plötzlich sind wir in Ungarn - von einem Landstraßenabschnitt zum anderen - und finden das wunderschön.
Vier Stunden später rollen wir in Prag ein - eine ganz herrliche Stadt. Wir verbringen zwei sehr nette Abende mit unserem Sohn, der dort gerade sein Auslandssemester absolviert. Prima, dass wir ihn so problemlos besuchen können. Allerdings gilt in der CSSR der Euro nicht - da müssen wir doch wieder im Kopf hin und her rechnen. Das macht aber sogar Spaß, weil Restaurant- und Barbesuche für uns super günstig sind.
Auf der Rückreise nach Hamburg haben wir an der Grenze Glück - kein Stau! Trotzdem werden wir mit unserem kleinen Auto heraus gewinkt. Die Bundespolizei möchte unsere Ausweise sehen. Dann gucken sie tatsächlich in unseren Kofferraum. Es ist der eines Cabrios! Da hätten wir höchstens einen Flüchtling drin verstecken können. Und der hätte den Kohl ja wohl auch nicht fett gemacht! Trotzdem sind wir natürlich froh, dass uns ein langer Grenz-Stau erspart geblieben ist. Wenn alles normal läuft in Europa, dann ist es auf jeden Fall nett, auf der Fahrt von einem Land zum anderen dort unterwegs zu sein!
Ende September brachen wir nördlich von Hamburg auf nach Wien. Unterwegs legten wir eine Zwischenübernachtung mitten in der Altstadt von Pirna ein. Dort ist es echt nett! Am nächsten Tag ging es an Prag vorbei bis in die österreichische Hauptstadt. An der Grenze zu Tschechien warfen wir einen geschockten Blick auf die Gegenrichtung: Kilometerlanger Stau wegen der aktuellen Grenzkontrollen. Oh je! Da müssen wir in zehn Tagen auch durch! Außerdem müssen wir zweimal anhalten, um ein "Pickerl" zu erwerben: Eines für die CSSR und eines für Österreich. Und das für teilweise üble Straßen! Wieso eigentlich rollen alle PKWS unentgeltlich über unsere schönen Autobahnen? (Ja- ich weiß: Deutsche zahlen ihre Straßen über die KFZ-Steuer - doppelt zahlen wollen wir nicht. Und in der EU gilt die Gleichbehandlung. Aber trotzdem: Eine fairere Lösung als derzeit muss doch möglich sein???)
In Wien beziehen wir eine großartige Altbauwohnung im 18. Bezirk. Die U-Bahn ist gleich um die Ecke und wir sind mit ihr in 15 Minuten am Stephansplatz. Unser Auto parkt die fünf Tage friedlich in einer Nebenstrasse ohne Kurzparkzone - perfekt!
Später fahren wir weiter ins Burgenland. Mit unserem Auto umrunden wir den Neusiedler-See. Plötzlich sind wir in Ungarn - von einem Landstraßenabschnitt zum anderen - und finden das wunderschön.
Vier Stunden später rollen wir in Prag ein - eine ganz herrliche Stadt. Wir verbringen zwei sehr nette Abende mit unserem Sohn, der dort gerade sein Auslandssemester absolviert. Prima, dass wir ihn so problemlos besuchen können. Allerdings gilt in der CSSR der Euro nicht - da müssen wir doch wieder im Kopf hin und her rechnen. Das macht aber sogar Spaß, weil Restaurant- und Barbesuche für uns super günstig sind.
Auf der Rückreise nach Hamburg haben wir an der Grenze Glück - kein Stau! Trotzdem werden wir mit unserem kleinen Auto heraus gewinkt. Die Bundespolizei möchte unsere Ausweise sehen. Dann gucken sie tatsächlich in unseren Kofferraum. Es ist der eines Cabrios! Da hätten wir höchstens einen Flüchtling drin verstecken können. Und der hätte den Kohl ja wohl auch nicht fett gemacht! Trotzdem sind wir natürlich froh, dass uns ein langer Grenz-Stau erspart geblieben ist. Wenn alles normal läuft in Europa, dann ist es auf jeden Fall nett, auf der Fahrt von einem Land zum anderen dort unterwegs zu sein!
Dienstag, 1. September 2015
Liebe "trotz"...
Im August 2015 verbrachten wir als Ehepaar bereits das fünfte Mal zwei bis
drei Wochen Urlaub in Irland. Das war immer eine Zeit, in der sogar in unserer
Heimat Norddeutschland ganz passables Sommerwetter herrschte. In Irland
knackten wir dagegen selten die 20 Grad Marke. Abends noch draußen zu sitzen,
kann man in der Regel vergessen. Und wir sind ganz oft klatschnass geworden. In
Irland ist das nämlich so: Man bricht bei strahlendem Sonnenschein in T-shirts
und kurzer Hose zu einer Wanderung auf. Wenn man mitten im nirgendwo ist und
die wunderbare Landschaft genießt, zeigt sich plötzlich eine kleine dunkle
Wolke. Innerhalb von Minuten ist der Himmel schwarz und es schüttet wie aus
Eimern. Deshalb muss man seine Regenjacke ständig mit sich rum schleppen. Warum
wir trotzdem immer wieder Sommerwochen in Irland verbringen? Na ja – wir lieben
dieses Land! Die grandiosen Landschaften, die Weite des Himmels, die
glücklichen Kühe überall auf den saftig grünen Wiesen. Das ist tatsächlich genau
so wie in der Kerry-Gold-Werbung! Wir lieben die Iren, ihren Hang zum
Geschichten erzählen, zum Ausschmücken und Übertreiben. Wir genießen die Abende
im Pub, die „Wohnzimmeratmosphäre“ dort, jedenfalls in den kleinen Pubs auf dem
Land. Iren haben Temperament, das sich in spontanen Musik- und
Stepptanzeinlagen an so manchem Pub-Abend Bahn bricht und uns mitreißt. Das
Essen im Pub ist relativ günstig und lecker. Die Iren können einfach fantastisch
gut braune Soßen zu Fleischgerichten zaubern. Ich liebe braune Soßen, der Gatte
schätzt Guinness und ich bekomme in Irland’s Pubs außerdem die besten Irish
Coffee der Welt. Und wenn wir abends „Zuhause“ sind, in einem saugemütlichen
Cottage, dann ist es egal, dass wir nicht draußen sitzen können. Dann genießen
wir das knisternde Kaminfeuer, angeheizt durch irischen Torf. Nein, es ist
nicht schön, mitten im Genuss atemberaubender Natur plötzlich bis auf die Haut
durchnässt zu werden! Und dabei zu wissen: In zwei Stunden steigen wir immer
noch feucht ins Auto und brauchen dann nochmal ne halbe Stunde bis zur heißen
Dusche und zum Torffeuer. Aber der Genuss ist das „trotz“ alle Mal wert! Den
nächsten Sommerurlaub werden wir vermutlich wieder in Italien verbringen. Wärme
und mitternächtliche Stadtbummel, nur leicht bekleidet, mögen wir ja auch. Aber
2017 heißt es sicher wieder: Irland. Wir lieben dieses Land trotz des Wetters –
und sind sehr dankbar, dass wir es als ein Lieblingsreiseland in unserem Leben
entdeckt haben.
Mittwoch, 29. Juli 2015
Dankbarer Wessie
Neulich war ich mal wieder ein paar Tage in Berlin. Das hat mich zu einer fiktiven Geschichte inspiriert. Kurztextleser brauchen Geduld. Auf Papier ist sie 1 1/2 Seiten lang.
OHNE NERVEREIN
„Dankeschön!“ sagte Ulrike und grabschte sich das vollste Sektglas vom
Tablett. Gierig nahm sie einen großen Schluck. Das tat gut! Jetzt erst mal die
Lage peilen!
Offensichtlich ließ Tante Rose-Marie sich zur Feier ihres 75. Geburtstages nicht
lumpen. Ihre Zeiten als arme Ossi-Verwandte waren vorbei, seit sie nach der
Wende das riesige Grundstück im Osten Berlins verkauft hatte. Die baufällige
alte Villa samt Plumpsklo war damals sofort abgerissen worden. Ein Glück!
Ulrike erinnerte sich an viele gruselige Stunden dort.
Zu ihrem heutigen Ehrentag hatte die Tante ein ganzes Schiff der Berliner
Reederei Riedel gemietet. Für drei Stunden würde es die Festgäste an diesem
herrlichen Julinachmittag über die Spree und den Landwehrkanal schippern. Das
Freiluftoberdeck sah wunderschön aus: Weiß eingehusste Tische und Stühle, grüne
Akzente mit edlen Palmen und Farnen. Da könnte einem das Herz aufgehen. Es sei
denn, man wäre lieber woanders. So wie Ulrike jetzt gerne in Köln bei ihrer
Mama im Krankenhaus wäre. „Kommt gar nicht in Frage“, hatte ihr Stiefpapa Lutz
gestern gesagt. „Ich bin da und kann den gebrochenen Fuß von Frederike
streicheln. Du fährst mal schön nach Berlin und vertrittst deine Mutter!“
Seufzend hatte Ulrike sich in ihr einsames Schicksal ergeben. Ihr Gatte ist auf
Geschäftsreise, Söhnchen macht ein Auslandssemester – den letzten beißen die
Hunde.
„Ulrike! Schön, dass du es doch noch geschafft hast! In deinem Alter läuft
es sich in High Heels wohl nicht mehr so flott? Und warum hast du dich in ein Etuikleid gezwängt?“ Super. Rose-Marie hatte
sie erspäht. Ulrike hob ihr Sektglas und ließ es gegen das der Tante scheppern.
„Herzlichen Glückwunsch – Tantchen! Den Modemut habe ich wohl von dir abgeguckt.
So ein ärmelloser Einteiler ist ja gewagt
jugendlich - hat was von einem
Strampelanzug.“ Im Stillen musste Ulrike zugeben, dass der schwarze Overall und
der bunte Seidenschal der sportlichen alten Dame sehr gut standen.
Ehe Rose-Marie zu einer spitzen Entgegnung ansetzen konnte, mischte sich
ein Mann in den Schlagabtausch, der bisher lässig an der Reling gelehnt hatte.
Ulrike hatte ihn schon aus dem Augenwinkel wahr genommen und war schwer
beeindruckt. So ein attraktives Exemplar hatte sie schon lange nicht mehr in
echt gesehen: Groß, sportlich, volles dunkles Haar, graue Schläfen und ein
Grübchen im markanten Kinn. Als er sich zu den Beiden stellte, blickte sie in
leuchtend blaue Augen. Wow! „Mutter, du wirst unter Deck gebraucht“, sagte er
zu ihrer Tante, „du musst das Büffet begutachten.“ „Willst mich wohl los
werden“, grummelte Rose-Marie, schob dann aber doch ab. „Mutter?“, fragte
Ulrike völlig fassungslos, „du bist Erik? Mein kleiner Vetter?“ „Klein ist
gut“, grinste Erik, der sie mindestens um einen Kopf überragte. „Freut mich,
dass du mich nicht wiedererkannt hast! Als wir uns zum letzten Mal gesehen
haben, war ich 13, pickelig und ungelenk. Du hast dich zum Glück nicht so sehr
verändert. Hast immer noch diese Ähnlichkeit mit Doris Day.“ „Und eine
53-jährige Doris Day findest du gut?“ So,
wie Erik sie anschaute, bestand kein Zweifel, dass er seine Cousine sogar attraktiv
fand. Und das war auch früher schon so gewesen, erinnerte sie sich. Sie hatte
es lästig gefunden.
So, wie ihr alles lästig gewesen war, was mit Tante Rose-Marie und
Woltersdorf, dem Geburtsort ihrer Mutter, zusammen hing. Jedes Jahr hatte sie
mit Frederike diese Reise nach Brandenburg unternehmen müssen: Von Köln mit dem Zug die Transitstrecke bis in
die „Hauptstadt der DDR“, dann die Einreiseformalitäten am Bahnhof
Friedrichstraße. Am Ende stand die holprige Fahrt mit der alten Straßenbahn bis
Woltersdorf. Als kleines Kind war Ulrike immer völlig verstört gewesen, wenn
die unfreundlichen, schwer bewaffneten Grenzbeamten sie kontrollierten. Als
Teenager fand sie die DDR einfach nur trostlos. Seit sie 18 geworden war, hatte
sie die Verwandtenbesuche verweigert.
„Mutter kann dich eigentlich gut leiden“, behauptete Erik gerade. „Ja klar!
Deswegen hat sie mich früher bei jeder Gelegenheit runter geputzt! Und gerade
wieder!“ „Na ja – schließlich warst du der Grund dafür, dass ihre geliebte
kleine Schwester kurz vor dem Mauerbau rüber gemacht hat.“ „Einspruch“, rief
Ulrike empört. „Im August 1961 war ich ein winziger Embryo!“ Frederike war
damals 19 gewesen. Sie hatte sich in den jungen Studenten aus Köln verliebt,
der für eine Weile bei seinen Großeltern in Woltersdorf zu Besuch war. Als ihr
klar wurde, dass sie schwanger war, war der junge Mann längst wieder im Westen.
Frederike hoffte, ihn in Köln zur Heirat zu bewegen. Das hatte nicht geklappt,
aber Frederike gefiel es am Rhein und sie beschloss, zu bleiben. Das hatte vor
allem etwas mit Lutz zu tun… „Bei Liebeskummer handelt man schon mal
unvernünftig“, sagte Erik. „Ich zum Beispiel hatte ein Foto von dir unter
meinem Kopfkissen.“ Ulrike wurde rot. Der Mann kann aber auch intensiv gucken! Erik hatte übrigens eine umwerfend rassige
Ehefrau und zwei bildschöne Töchter. Die konnte sie nur auf Fotos bewundern.
Sie waren zurzeit anlässlich einer Taufe bei der italienischen Familie in
Mailand.
Später am Abend bummelten Cousin und Cousine „Unter den Linden“ bis zum
Brandenburger Tor. Ulrike hatte ihre High Heels gegen Flipflops ausgetauscht
und fühlte sich herrlich unbeschwert. „Früher war es hier so trostlos“, sagte
Erik. „Wie oft habe ich hier gestanden und sehnsüchtig auf die andere Seite des
Tores in die Freiheit gestarrt.“ Und Ulrike, die sich plötzlich erinnerte, dass
ihr kleiner Vetter Fan von Lindenberg gewesen war, sang – nicht treffend, trotzdem
passend:
„Mädchen aus Ostberlin, das war wirklich schwer. Ich
musste gehen, obwohl ich so gerne noch geblieben wär. Ich komme wieder...und
vielleicht geht's auch irgendwann mal ohne Nerverein. Da muss doch auf die Dauer was zu machen sein.“
Montag, 27. Juli 2015
Gastfreundschaft - wie geht das?
HERZLICHE EINLADUNG
Für Leila und Masoumeh
Wenn ihr mögt, hole ich euch Mittwoch um 16.00 am Penny-Parkplatz ab.
Wir fahren dann zu mir nach Hause. Gegen 17.30 machen wir
ein deutsches „Abendbrot“ (Brot, Brötchen, Käse, Wurst vom Hühnchen…)
Und ich fahre euch gegen 18.30 wieder zum
Penny-Parkplatz.
Ich würde mich freuen, wenn ihr meine Gäste seid. Und
bitte: bringt nichts mit. Kein Geschenk. Ich möchte einfach nur gastfreundlich
sein. Und freue mich auf einen „Frauennachmittag“.
Das ist jetzt mal ein Versuch von mir, "offiziell" zwei liebe iranische Frauen so einzuladen, dass keine Fragen offen bleiben. Bin gespannt, ob das funzt. Im Iran ist es üblich, teure Gastgeschenke zu machen. Und das können sich die Beiden nicht leisten. Noch immer warten sie auf ihren Pass - und somit auch auf die Chance zu arbeiten.
Die Beiden sind Nachbarinnen in ihrer Flüchtlingsunterkunft. Leila ist Mitte 30 und wird gerade Christin. Ich denke, weil ihr Mann das hilfreich findet. Leila ist nur wegen ihm aus dem Iran geflohen. Ihr selbst und ihren Eltern ging es ganz gut. Leila hatte sogar ein eigenes Auto. Aber ihr Mann war dem Staat halt ein Dorn im Auge...
Masoumeh ist 40 und mit ihrer Tochter vor gut einem Jahr nach Deutschland gekommen. Die genaue Geschichte weiß ich noch nicht. Jedenfalls ist sie Anwältin. Um als solche bei uns wenigstens mal ein Praktikum machen zu können, muss sie anspruchsvolle Deutschprüfungen bestehen.
Unterhalten kann man sich auf deutsch mit beiden Frauen schon erstaunlich gut. Ich habe große Hochachtung vor der Intelligenz und dem Fleiß der Beiden. Mein Traum ist, dass ich ihnen einfach durch "Plaudern" helfen kann, im Deutschen perfekter zu werden. Und ich hoffe, ein "deutsches Abendbrot" kann dabei eine natürliche Brücke werden.
Sonntag, 5. Juli 2015
Zeitreisen sind DOCH möglich
Vor über 30 Jahren waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft: Die Fussballer des ersten sportmissionarischen Teams von SRS mit ihren damaligen Freundinnen. Der Gatte und ich haben schöne Erinnerungen an Einsätze in ganz Deutschland mit einer wunderbaren Truppe.
Heute sind die meisten dieser Paare eben schon über 30 Jahre verheiratet.
In dieser Woche trafen wir uns zu drei dieser "Ehemaligen-Paare" im Hotel Glockenspitze im Westerwald. Dieses Sporthotel gehört heute zu SRS.
www.glockenspitze.de
Beim gemeinsamen Abendessen war es so, als hätte es diese 30 Jahre nicht gegeben. Die Vertrautheit von früher war sofort wieder da - und die vielen "wisst-ihr nochs" machten einfach nur Spaß. Natürlich haben wir alle unterdessen unsere Leben gelebt - mit Höhen und Tiefen. Der Gatte und ich waren die Einzigen ohne Enkel - und Enkel bringen ja noch mal richtig viel Neues ins Leben. Trotzdem waren wir an diesem Abend nur "wir". Und es tat gut zu erleben, dass über 30 Jahre unterschiedliche Entwicklung für eine Beziehung keine Rolle speilen müssen.
Heute sind die meisten dieser Paare eben schon über 30 Jahre verheiratet.
In dieser Woche trafen wir uns zu drei dieser "Ehemaligen-Paare" im Hotel Glockenspitze im Westerwald. Dieses Sporthotel gehört heute zu SRS.
www.glockenspitze.de
Beim gemeinsamen Abendessen war es so, als hätte es diese 30 Jahre nicht gegeben. Die Vertrautheit von früher war sofort wieder da - und die vielen "wisst-ihr nochs" machten einfach nur Spaß. Natürlich haben wir alle unterdessen unsere Leben gelebt - mit Höhen und Tiefen. Der Gatte und ich waren die Einzigen ohne Enkel - und Enkel bringen ja noch mal richtig viel Neues ins Leben. Trotzdem waren wir an diesem Abend nur "wir". Und es tat gut zu erleben, dass über 30 Jahre unterschiedliche Entwicklung für eine Beziehung keine Rolle speilen müssen.
Dienstag, 23. Juni 2015
Eine Familie, die Spaß zusammen hat...
...wenig scheint mir besser.
Letztes Wochenende trafen wir uns zu 13 Familienmitgliedern an einem wunderbaren Ort:
www.hof-hubbermann.com
Der Gatte und ich waren die Stammes-Oberhäupter über 50. Wir haben jeder einen Bruder, der bald 50 wird. Einer war mit Familie dabei - der Ehefrau und zwei Kids zwischen 5 und 11. Der andere Bruder brachte seine Lebensgefährtin mit, die auch schon seit fünf Jahren zur Familie gehört. Unsere drei Kinder zwischen 25 und 29 waren dabei - eine Tochter mit Ehemann, die andere mit Freund. Eine große Altersspanne also. Das machte aber nix!
Alle von uns genießen wunderschöne Natur. Und die gibt es reichlich um den Hof. Wir waren aufgeteilt auf zwei FeWos am See und zwei Häuser im Wald - alles so drei Minuten Fußweg auseinander.
Gefeiert haben wir in und vor der Hütte am See - so richtig mit lauter Partymusik und keinen hat's gestört. Wir singen und tanzen halt alle gerne - quer durch die Generationsunterschiede.
Ein weiteres Highlight waren die beiden Frühstücke für alle, die Frau Hubbermann in ihrem Bauernhaus zelebriert hat. Die waren reichlich und lecker - und es ist echt entspannend, wenn man als Gruppe nicht auch noch die Frühstückszutaten ankarren muss.
Gefunden haben wir diesen genialen Treff im Internet. Wir waren auf der Suche nach einer Location, die vom Ruhrpott, dem Sauerland und Schleswig Holstein jeweils ungefähr gleich weit entfernt ist.
Falls wir alles anständig hinterlassen haben - dann wird das vielleicht nicht das letzte Familientreffen in Visbek gewesen sein.
Letztes Wochenende trafen wir uns zu 13 Familienmitgliedern an einem wunderbaren Ort:
www.hof-hubbermann.com
Der Gatte und ich waren die Stammes-Oberhäupter über 50. Wir haben jeder einen Bruder, der bald 50 wird. Einer war mit Familie dabei - der Ehefrau und zwei Kids zwischen 5 und 11. Der andere Bruder brachte seine Lebensgefährtin mit, die auch schon seit fünf Jahren zur Familie gehört. Unsere drei Kinder zwischen 25 und 29 waren dabei - eine Tochter mit Ehemann, die andere mit Freund. Eine große Altersspanne also. Das machte aber nix!
Alle von uns genießen wunderschöne Natur. Und die gibt es reichlich um den Hof. Wir waren aufgeteilt auf zwei FeWos am See und zwei Häuser im Wald - alles so drei Minuten Fußweg auseinander.
Gefeiert haben wir in und vor der Hütte am See - so richtig mit lauter Partymusik und keinen hat's gestört. Wir singen und tanzen halt alle gerne - quer durch die Generationsunterschiede.
Ein weiteres Highlight waren die beiden Frühstücke für alle, die Frau Hubbermann in ihrem Bauernhaus zelebriert hat. Die waren reichlich und lecker - und es ist echt entspannend, wenn man als Gruppe nicht auch noch die Frühstückszutaten ankarren muss.
Gefunden haben wir diesen genialen Treff im Internet. Wir waren auf der Suche nach einer Location, die vom Ruhrpott, dem Sauerland und Schleswig Holstein jeweils ungefähr gleich weit entfernt ist.
Falls wir alles anständig hinterlassen haben - dann wird das vielleicht nicht das letzte Familientreffen in Visbek gewesen sein.
Mittwoch, 17. Juni 2015
Sterbebegleitung
Diese Erinnerungen von mir sind im "lebenslust"-Special "Gute Besserung" neulich erschienen.
„Herzliches Beileid noch mal“, sagte die Nachtschwester zu mir, nachdem sie
meinen Papa, der gerade für immer eingeschlafen war, frisch und sauber gemacht
hatte. Dabei drückte sie mir herzlich die Hand und fügte hinzu: „Danke, dass
sie die letzten Tage bei Ihrem Vater geschlafen haben. Sie haben uns sehr
entlastet. Er war ja ein schwieriger
Patient.“
Na! Das hatte die Gute sehr höflich ausgedrückt! Mein heißgeliebter Papa
war ein Albtraum von Patient gewesen! Dabei war er bis zum Endstadium seiner
Krebserkrankung ein wirklich charmanter Herr in den Siebzigern. Gerade mit
Krankenschwestern hatte er es gut gekonnt. Während zahlreicher
Krankenhausaufenthalte meiner Mutter hatte er mit Legionen von ihnen fröhlich
geschäkert und ihnen ein Lächeln auf ihre Lippen gezaubert. Lächelnde
Krankenschwestern und Pfleger suchte ich vergeblich, als ich vorübergehend
meine Zelte in Schleswig Holstein abgebrochen hatte, um ihm im Sauerland beizustehen.
Seine Leber hatte begonnen zu versagen. Als ich das zweite Bett in seinem
Privatzimmer bezog, konnte er seines schon nicht mehr verlassen.
So sehr sein Körper auch zusehends verfiel – sein Kopf war bis zum Schluss
ganz klar. Und er wusste genau, was er wollte. Und auch, was er nicht wollte. Nachdem
ich einen halben Tag bei Papa verbracht hatte, wurde mir klar, welchen Streifen
das bedauernswerte Pflegepersonal schon sechs Tage lang mit gemacht hatte. Der
rechte Daumen meines Vaters funktionierte noch ganz hervorragend und betätigte
ständig den Klingelknopf. War das Fenster zu, musste es geöffnet werden, stand
es offen, musste es unbedingt zu. Sein Wasser war alle, er wollte eine Schmerztablette,
einen Kaffee - und immer wieder erwartete er eine Tasse Brühe. Er „erwartete“ –
genau das war das Problem. Da kam kein „Bitte“ oder „Danke“ – er behandelte
Schwestern und Pfleger wie Bedienstete. In seiner letzten, schweren
Krankheitsphase war sein Charme verschwunden und er benahm sich wie ein
Gutsherr aus alten Zeiten. Klar – so einen Hauch davon hatte er immer schon an
sich gehabt. Es kam ja nicht von ungefähr, dass auf meiner Hochzeit ein Gedicht
über den Brautvater die Überschrift trug: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im
Sauerland“. Aber früher war dieses Gehabe freundlich gewesen – das eines
großzügigen Gutsherren. Nun war es ins Herrische umgeschwenkt. Paps behandelte
das Krankenhauspersonal wie Leibeigene. Darauf
hatte das Personal verständlicherweise so gar keinen Bock und entsprechend
schlecht war die Stimmung, als ich ins Krankenhaus einzog.
Ich entwickelte ungeahnte Fähigkeiten. Ich war nie gut im Schmeicheln, aber
entdeckte plötzlich, wie gut ich „Süßholz raspeln“ kann, wenn es unbedingt sein
muss. Ich bedankte mich im Namen meines Papas wirklich für „Furz und
Feuerstein“ – für jede noch so normale Handreichung, die man im Krankenhaus
erwarten kann. Und ich wurde zur Erzieherin meines Vaters. Hier kam es uns zu
Gute, dass wir eine richtig gute Vater-Tochter-Liebesbeziehung gepflegt haben.
Wenn man einen sterbenden Elternteil begleitet, ist wohl nichts besser, als
eine heile Beziehung. Da gibt es keine Altlasten aufzuarbeiten, man muss auch
nicht vorsichtig Worte abwägen, weil einfach klar ist: Wir haben uns lieb und
nichts steht zwischen uns. Und so konnte ich meinen Papa in seinem herrischen
Gehabe ironisch parodieren – und er hat es nicht krumm genommen. Er hat sich
ehrlich bemüht sich zu bessern und lernte tatsächlich in seinen letzten Tagen
noch ordentlich „bitte“ und „danke“ zu sagen.
In dem allerdings, was er nicht wollte, ist er sich treu geblieben. Er
wollte nicht umgelagert werden. Das wäre echt nötig gewesen, weil er anfing,
sich wund zu liegen. Aber Papa hat Zeit seines Lebens nur auf dem Rücken
geschlafen. Er hatte nicht die Absicht, das in seinen letzten Lebenstagen zu
ändern. Hier konnte ich die Schwestern überzeugen, ihm einfach seine Würde der
Selbstbestimmung zu lassen. Papa wollte auch nicht in eine Flasche pinkeln, die
von fremden Frauen gehalten wurde. Die Lösung war dann einfach. Ich war ja da –
und ich durfte die Flasche für ihn halten.
Nachdem mein Papa dann friedlich eingeschlafen war – mit seiner Hand in
meiner – und die Nachtschwester ihn „schön“ gemacht hatte, sagte sie noch was
zu mir: „Diese vollen Haare Ihres Vaters! Und auch sonst! Er war ja wirklich
ein attraktiver Mann!“ Ha! Das hatten Legionen von Krankenschwestern schon vor
ihr festgestellt!
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